2010: Peinliche Posse um Deutschen Computerspielpreis

Aus dem Archiv: Von Thomas Lindemann, |28.04.2010

Der Deutsche Computerspielpreis will elektronische Unterhaltung kulturell adeln, droht aber an Lobbyismus und Vorurteilen zu scheitern. Politik und Industrie sind uneins, ob Games auch etwas für Erwachsene sind. Seltsam ist dabei, dass Gewalt im elektronischen Spiel grundsätzlich anders bewertet wird als im Kino.

 

Es sollte ein Triumphzug in die Hallen der Hochkultur werden. Im Jahr 2008 nahm sich der Deutsche Kulturrat der Computerspiele an, ihre Entwickler sitzen dort nun neben Komponisten und Schriftstellern. 2009 folgte der Deutsche Computerspielpreis, je zur Hälfte von Bundestag und Industrie finanziert.

Trotzdem hielt sich die Euphorie in Grenzen, als Kulturstaatsminister Bernd Neumann den ersten Preis in München verlieh: Horst Seehofer hatte spontan abgesagt, scheute den Kontakt mit dem niederen Vergnügen.

Die Jury war zuvor fast zerfallen, weil “Grand Theft Auto IV“ – eines der spannendsten Spiele überhaupt und wochenlang Thema in den Feuilletons – nichts gewinnen durfte. Schließlich ging es in dem Autoknacker-Adventure um Gewalt.

Dieses Jahr werden die Probleme des Preises noch deutlicher. Er will Spiele als Kulturgut etablieren, nimmt sie aber nicht ernst. Und jetzt redet auch noch die Industrie hinein.

Zehn Einzelpreise werden beim zweiten Deutschen Computerspielpreis verliehen. Die 36-köpfige Jury unterteilt sich in neun Vierer-Fachgruppen. Endgültig entscheidet dann eine Hauptjury, in der Politiker die Fachleute überwiegen.

Die wichtigsten Kategorien sind das “beste deutsche Spiel“ und das “beste internationale Spiel“. An letzterem entzünden sich immer wieder Kontroversen. Denn anderswo teilt man die Bedenken nicht, die Deutsche im Hinblick auf Spiele hegen.

Drei Titel waren diesmal für diese Kategorie nominiert: “Professor Layton und die Schatulle der Pandora“, “Dragon Age Origins“ und “Uncharted 2“. Ersteres ist ein Abenteuer für das Mini-Spielgerät Nintendo DS, einfallsreich und hübsch, aber indiskutabel – das wäre in etwa so, als würde man einem Super-8-Kurzfilm den Oscar geben.

“Dragon Age“ ist ein Mittelalter-Rollenspiel mit komplexer Geschichte, die sich je nach Verhalten des Spielers verwandelt. “Uncharted 2“ galt als großer Favorit: Eine an “Indiana Jones“ angelehnte Abenteuergeschichte in cineastischer Grafik und mit guten Sprechern, ein Spiel auf der Höhe der Zeit. Allerdings fallen Schüsse. Damit war das Spiel gestorben.

Die Jury konnte sich nicht einigen und beschloss, den internationalen Preis nicht zu vergeben. Konsequent. Bloß wurden jetzt die Lobbyisten der Industrie wach. Sie sehen die Kategorie als Instrument, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen. Anrufe gingen bei einzelnen Jurymitgliedern ein.

Freundlich sprach man die Drohung aus: Wird in der Kategorie “Bestes internationales Spiel“ kein Preis vergeben, war dies der letzte Deutsche Computerspielpreis. Die Spieleverleger würden dann einfach ihren Anteil an der Finanzierung zurückziehen, der Preis zerfiele.

Ob diese Drohkulisse standgehalten hätte, bleibt fraglich. Die Hersteller würden sich damit die Blöße geben, an kulturell wertvollen Produkten nicht interessiert zu sein. Das widerspricht dem Engagement einiger Konzerne.

Electronic Arts etwa, lange der größte Hersteller weltweit und auch in Deutschland sehr präsent, müht sich seit Jahren um Dialog mit Wissenschaft und Kunst. Doch dem Konzern geht es zur Zeit eher schlecht. Erfolgreich sind Firmen, die in Deutschland wirklich nur einen Arm des globalen Geschäfts unterhalten. Dort regiert das Eigeninteresse, und das lautet: Wenn wir diesen Preis schon finanzieren, dann soll bitteschön auch etwas für unsere Umsatzbringer dabei herausspringen, für die großen Spieletitel.

Vergangene Woche kam nun die Mitteilung: Es werde ein Spiel nachnominiert, man verrate aber nicht, wo und welches. Jedem Eingeweihten war aber klar, dass es um die Kategorie “Internationales Spiel“ geht – und dass damit der Gewinner feststeht.

Es soll sich um einen Titel handeln, bei dem es um Historie und Strategie geht – ein solides Werk, aber keineswegs atemberaubend. Im Jahr 2009, das nun nach preiswürdigen Kandidaten abgesucht wurde, gab es bessere: Wenn man schon trickst, hätte man das fantastische “Mirror’s Edge“ nehmen können, das zwar zu Weihnachten 2008 erschien, aber in der PC-Version erst 2009.

Darin bewegt man eine Oppositionskämpferin über die Dächer einer totalitär regierten Stadt, das Spiel ist nicht düster, sondern weiß ausgeleuchtet, und es beweist einen Willen zum Design. Großartig war auch “Batman: Arkham Asylum“, das die Atmosphäre eines legendären Comics von Grant Morrison und Dave McKean aufleben lässt. Es gab “Assassin’s Creed II“ und “Machinarium“, ein Abenteuer, das ganz ohne Worte auskam.

Doch in all diesen Spielen kommt auch die eine oder andere Waffe vor, und das verbietet sich. Dafür steht vor allem Wolf-Dieter Ring, der Vorsitzende der Jury. Er ist gleichzeitig Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz – also jemand, der Medien eher überwacht als fördert.

Ring bringt zu den Jury-Sitzungen manchmal eine Assistentin mit, die geringschätzig den Kopf schüttelt, wenn einer der Jüngeren für ein Spiel spricht, in dem auch geschossen wird. Das Schießen ist aber aus dem Videospiel so wenig wegzudenken wie aus dem Fußball. Dabei kann man von keinem der genannten Spiele behaupten, es sei ein “Gewaltspiel“.

Gewalt wird im elektronischen Spiel grundsätzlich anders bewertet als im Kino. Großen Jubel von allen Seiten, auch von Bernd Neumann, erntete unlängst Tarantinos “Inglourious Basterds“ – ein Film, wo Menschen skalpiert werden, eine Familie mit Kindern getötet und ein Kopf gut sichtbar mit Knüppeln zertrümmert wird. Eine Gewaltdebatte fand nicht statt.

Nachdem beim Computerspielpreis das vergleichsweise harmlose “Uncharted 2“ ohne Chance war, steht fest: Spiele “Ab 18“ und “Ab 16“ sind faktisch nicht zugelassen. Man sollte die Auszeichnung umbenennen. Es ist der “Computerspielpreis für Jugendspiele“.

Zur Hälfte wird dieser Preis von einer Branche gestiftet, die nichts von ihm hat, weil ihre Haupterzeugnisse nicht vorkommen dürfen. Zur anderen Hälfte von der Politik, die Videospiele als Medium für Erwachsene nicht akzeptiert. Löst die Jury diesen Widerspruch nicht, ist der Preis bald tot.

Dieser Artikel erschien ähnlich im April 2010 in der WELT